Interview mit Christoph Baumann

Zwei Generationen treffen sich — und den richtigen Ton

Wenn zwei Generationen aufeinander treffen, gibt’s meist Konflikte. Beim "Baumann-Hämmerli-Sextett gäbe es demnach ein grosses Konfliktpotential — denn Bandleader Christoph Baumann ist fast doppelt so alt wie sein jüngstes Bandmitglied.

von Urs Bachofner

"Ich mache nur, was ich machen will". Starke Worte, die eine gefestigte Persönlichkeit verraten. Hinter der Aussage steht Christoph Baumann, Jazzmusiker, Bandleader, Pianist, Komponist und Musikpädagoge. "Ich will Spass haben und Musik machen". Starke Worte, die eine unbeschwerte Persönlichkeit verraten. Dominik Burkhalter, Musiker, Schlagzeuger und der Benjamin in der Band. Mehr als zwanzig Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen ihm und Christoph Baumann. Darum ist das "Baumann-Hämmerli-Sextett" mehr als nur ein Jazz-Projekt. Es ist auch der Beweis dafür, dass Musik nicht nur die Generationen vor, sondern auch auf der Bühne verbindet.

Wichtig ist die Auseinandersetzung

"Junge Musiker bringen neue Einflüsse, die auch mich wieder weiterbringen. Ich kann sehr viel von den Jungen profitieren". Christoph Baumann sagt dies ohne einen Ton von Anbiederung, mit einer Selbstverständlichkeit, die glaubhaft wirkt. Vor allem hat er es gar nicht nötig, sich anzubiedern: Er stand schon auf jeder bekannten Bühne, spielte mit unzähligen Grössen zusammen. Da erstaunt es auf den ersten Blick schon, dass Baumann für sein aktuelles Projekt junge, noch unbekannte Musiker geholt hat. "Das Alter ist doch gar nicht so wichtig. Mir geht es vielmehr um die Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Ob die jetzt gleich alt sind oder jünger, spielt doch keine Rolle". Diese Auseinandersetzung schärfe auch die Wahrnehmung und dadurch werde das Leben intensiver. "Musik zu machen, die Freude am Spielen, am fortwährenden weiterlernen — dies ist doch die spannenste Lebensform überhaupt."

Urdemokratischer Prozess

"Natürlich, als Komponist bringe ich den grössten Einfluss in die Band. Beim einstudieren der Stücke aber hat jedes Mitglied die Möglichkeit, Änderungen einzubringen." Es komme regelmässig vor, dass die jüngeren Bandmitglieder etwas anderes wollen. Dann wird diskutiert, abgeändert, umgeschrieben. Alle können Ideen einbringen, eigene Schwerpunkte setzen. Jede Stimme ist gleichviel Wert. Baumann bezeichnet diese Arbeitsweise als grunddemokratischen Prozess. Und auf der Bühne sei sowieso jeder gleichermassen verantwortlich für das, was während dem Konzert passiert. Dies tönt gut, fast zu gut. Doch die jungen Bandmitglieder können die Aussage von Baumann nur bestätigen. So findet Dominik Burkhalter zwar schon, dass Baumann klar der Bandleader ist. "Aber es ist alles sehr offen, ohne Sturheit." Christoph Baumann sei nicht der Mensch, der den Tarif durchgeben muss.

Keine Vorbildfunktion

"Ich schätze besonders die Erfahrung, die Baumann, oder allgemein die ältere Generation, mitbringt." Besonders die Bühnenpräsenz beeindruckt den 24jährigen Burkhalter immer wieder. Aber trotzdem, als Vorbild möchte er Baumann nicht bezeichnen. "Respekt ist das richtige Wort, ich empfinde grossen Respekt vor ihm als Mensch und Musiker". Dies bestätigt auch Pascal Galeone, 30 Jahr alt und Vocalist in der Band. Ihn fasziniert vor allem die Gelassenheit von seinen älteren Bandkollegen. "Da merkt man das Alter schon. Es tut unheimlich gut, auf der Bühne diese Gelassenheit zu spüren. Bei denen kommt die Musik so richtig aus dem Bauch heraus". Dadurch komme die Musik auch geradlinig und und vor allem ehrlich daher.

Natürlich, in gewissen Situationen macht sich der Altersunterschied schon bemerkbar. Dann prallen die unterschiedlichen Ansichten aufeinander. Und es macht sich auch bemerkbar, dass die verschiedenen Alterskategorien mit anderer Musik aufgewachsen sind. "Doch gerade dies ist äusserst spannend," meint Burkhalter "dann muss man sich finden, muss aufeinander eingehen können". Dies führt zu einem Wachstumsprozess, sowhl musikalsich wie auch menschlich.

Von der Kunst zum Handwerk

Der Respekt ist gegenseitig, wie Christoph Baumann betont. "Die jungen Musiker von heute haben eine unglaubliche Disziplin. Es wird konzentriert geübt und sehr seriös gearbeitet." Ausserdem seien die Jungen stilistisch sehr viel offener. Begeistert ist Baumann auch vom technischen Selbstverständins der Jungen. "Unsere Generation sah sich immer als Künstler, die neue Generation eher als Handwerker". Dies sei in erster Linie auch eine Frage der Zeitgeschichte: "Bei uns kam die Musik auch aus einer politischen Bewegung heraus, aus dem Wiederstand der 68er-Generation. Heute machen die Jungen Musik um der Musik willen". Baumann der Künstler, Baumann der Philosoph. Er wählt seine Worte genau, komponiert seine Sätze wie seine Musik. "Was muss ich machen, damit ich das machen kann, was ich machen will", ist eine der philosophischen Sätze, die man häufig von ihm hört. Bei aller Philosophie versprüht Christoph Baumann eine angenehme Leichtigkeit — sicher auch wegen seines dauernden Kontaktes mit Jüngeren. "Mit Chrsitoph Baumann kann ich herumalbern wie mit Gleichaltrigen", erzählt denn auch Dominik Burkhalter.

Immer noch die Ausnahme

Auch wenn Baumann sehr gerne mit jüngeren Musikern arbeitet — als msuikalischen Jugendarbeiter sieht er sich auf keinen Fall. In erster Linie macht er sich Gedanken um Projekte. "Ich habe eine Idee, und überlege mir dann, was für Leute zu diesem Projekt passen würden." So sucht sich Baumannn die Musiker für seine diversen Projekte aus. "Dann kommt es nur noch darauf an, ob die Chemie stimmt." In was für einem Alterssegment sich diese Musiker bewegen, ist dann zweitrangig.

Eine Einstellung, die neben den Musikern vor allem dem Projekt dient und damit schlussendlich dem Publikum. Doch in der Jazzwelt ist das "Baumann-Hämmerli-Sextett" immer noch die Ausnahme. "Es gibt zwar noch andere Bands mit altersgemischten Mitgliedern," weiss Dominik Burkhalter, aber " die meisten spielen immer im gleichen Kuchen." Burkhalter hofft, dass sich das Prinzip noch weiter durchsetzen wird. Und die Entwicklung könnte in diese Richtung gehen: "In Amerika kann man einen klaren Trend beobachten: Immer mehr Altstars gehen mit jungen, talentierten Musikern auf Tournee oder nehmen Studioalben auf".

Fazit: Von einem Generationenkonflikt kann in der Jazz-Szene nicht gesprochen werden. Schon eher von einer Distanziertheit, dass nämlich die verschiedenen Generationen eher unter sich bleiben. Dabei zeigt gerade das Beispiel des "Baumann-Hämmerli-Sextett", dass eine Altersdurchmischung für alle Beteiligten nur Vorteile bringt. Und von daher wäre es sicher wünschenswert, es würden sich noch mehr Jazz-Musiker auf dieses Experiment einlassen.

Swiss Music News:
Und das legendäre Baumann-Hämmerli Sextett tritt einmal mehr in neuer Formation an.


DRS 2: Dienstag 25. Juli 2000, 20.00- 21.00

Baumann / Hämmerli Sextett am 19. Mai 2000 live am Schaffhauser Jazzfestival 2000: "WARNUNG: Dies ist eine Jazzplatte. Anhören auf eigene Gefahr.", nannten der Pianist und Komponist Christoph Baumann und der Bassist Hämi Hämmerli vor bald zwanzig Jahren eine ihrer Platten. Christoph Baumanns Musik war immer gefährlich, er scherte sich selten um Konventionen, mied die direkte Verbindung zwischen zwei Punkten. Was vor zwanzig Jahren für Baumann und Hämmerli mit Jazz im eigentlichen Sinn begonnen hatte, weitete sich schnell aus in Richtung freie Improvisation, Salsa, Musiken für Theater, Tanz und Film, in Richtung unerhörter Musik in des Wortes eigentlichem Sinn. Hämmerli bildete und bildet den Gegenpol zu Baumann: er baut das Fundament auf dem dieser seine musikalische Luftschlösser zum Klingen bringen kann.


Schaffhauser Tagblatt,Samstag 20. Mai 2000:


Eine Bigband mit sechs Musikern Erstaunlich: Ein Stück von einer geschlagenen Stunde Dauer, das erste und einzige Stück des Baumann-Hämmerli-Sextetts, das den gestrigen Abend des Jazzfestivals mit Bravour eröffnete, und kein bisschen Langeweile kam auf. Die Mischung aus drei gestandenen Jazzern der alten Garde und drei frisch der Jazzschule entwachsenen, vom Spielen und Improvisieren merklich angefressenen jungen Talenten waren das Geheimnis. Der virtuose Pianist und Bandleader Christoph Baumann gab zusammen mit dem souveränen Bassisten Hämi Hämmerli und dem Bassposaunisten Markus Muff das strukturierende Gerüst vor, liess den jungen, innovativen Mitmusikern aber genug Raum, sich frei zu entfalten und auch neuere Stile abseits des klassischen Jazzes einfliessen zu lassen. Das neue Konzept Baumann-Hämmerli ÇStructures & SpacesÈ eben. Filigran und dezent im Hintergrund der Schlagzeuger Dominik Burkhalter; pfiffig-witzig das Sopransaxofon von Adrian Pflughaupt, herausragend schliesslich das Gesangsspiel von Pascal Galeone, der in der Tradition eines Al Jarreau oder Bobby McFerrin allein mit der Stimme schnalzend und zischend, brummend und jaulend ein halbes Orchester auf die Bühne zauberte. Ein offenes musikalisches Spiel mit durchgehendem Spannungsbogen, mit ironischen Anleihen bei Dixie- oder Bigbandstücken ebenso wie bei klassischen Chansons la Piafs ÇLa vie en roseÈ, ein Spiel, das auch mal selbstironisch kopflastige Jazzschulstandards anspielte, um rasch in swingend-leichte Passagen berzugehen. Weit mehr als ein sentimentales Nostalgieprojekt, steht in der Bandbeschreibung bescheiden: eine couragierte, im Resultat berzeugende Premiere am Jazzfestival. Das Publikum war begeistert, die gewünschte Zugabe folgte. ÇWahre Leistungssportler im JazzÈ, meinte ein begeisterter Stadtrat Kurt Sachsnberger. ÇDas war stark, tolle Sache, wirklichÈ, so kurz und bündig Christoph Kolmstätter, Organisator vom Jazzclub Singen. Dem bleibt nichts anzufügen. (doe.)


Aargauer Zeitung, Freitag, 26. Mai 2000

.... Ein anderer Pianist, der in der Schweiz längst eingeführt ist, Christoph Baumann, stand am Freitag mit seinem alten Weggefährten, dem Bassisten Hämi Hämmerli, und der "New Edition" ihres Sextetts auf der Kammgarn-Bühne. Alter schützt vor Kreativität nicht, könnte man ironisch sagen. Tatsächlich bot der nicht mehr ganz junge Baumann - schon in den Siebzigern hatte er mit seinem Jerry Dental Kollekdoof das hiesige Jazzland verunsichert - eine der stärksten Darbietungen des Festivals. Der Aargauer ist ein Derwisch und Quirl geblieben, voller musikalischer Clownereien, immer wieder gut genug für irrwitzige musikalische Fahrten durch allerlei Gewässer. Der Komponist von Theatermusiken und freie Improvisator verwob in seinem einstündigen Set, das aus einem einzigen Klangband bestand, zahllose Welten. Ein reichhaltiges Patchwork, zusammengeklebt aus Dutzenden von Montageelementen, die offenen Fragmente verbanden sich zu einem funkelnden Flickenteppich, zu einer Musik, die nach allen Seiten offen ist. Die Videoästhetik mit ihren sich Schlag auf Schlag folgenden Cuts schien Pate zu stehen, kaum war ein Motiv in den Raum gestellt, wurde es bereits vom nächsten verdrängt. Ein rasantes Tempo à la Django Bates. Viele strukturelle Ideen. Wer zu Anfang vermutete, dieser Nervenkitzel würde sich schnell ausreizen, irrte. Der überdrehende Motor stürzte nicht ab. Zu sorgfältig war die Dramaturgie: In der mal sehr organisierten, dann wieder ganz freien Musik konnten Loops und ostinate Figuren genauso vorkommen wie explodierende freie Improvisationen oder ein sülziges französisches Chanson, das Baumann mit seinen Gesellen genüsslich-diabolisch kaputtspielte. Und der Auftritt war trotz allen Konzeptdenkens nie von des Gedankens Blässe angekränkelt. Mit jugendlicher Demontierlust karessierte Baumann seinen Flügel im einen Moment, um ihn sogleich wieder zu traktieren. Ideen und Energien verwoben sich in geradezu idealer Weise. Dafür waren auch die vier jungen Mitmusiker Adi Pflugshaupt (sax), Pascal Galeone (voc), Bassposaunist Markus Muff und Dominik Burkhalter (dm) verantwortlich; vor allem der formidable Pflugshaupt solierte mit beachtlicher Reife und grossem Formsinn... /Christoph Merki)

Neue Zürcher Zeitung, 5. Februar 2001

Hohe Ereignisdichte: Baumann-Hämmerli-Sextett im Moods
kl. In der Rockmusik sind sie alltäglich, im Jazz rar: die Auferstehungen von einst populären Bands. Das Baumann-Hämmerli-Sextett war in den siebziger und achtziger Jahren sehr erfolgreich und wurde dennoch vor gut zehn Jahren aufgelöst. Im Jazzklub Moods stellten die Protagonisten eine «new edition» vor, wobei die Vakanzen durch blutjunge Absolventen der Jazzschule Luzern ausgefüllt wurden (Bassist Hämi Hämmerli ist Leiter jener Talentschmiede). Das Konzept, für das offensichtlich in erster Linie der pfiffige Pianist und Komponist Christoph Baumann verantwortlich zeichnet, vermag auch heute noch voll zu überzeugen. Kurze, auf Handzeichen eingeworfene komponierte Teile münden in griffige Improvisationskonzepte (zum Beispiel markante Bass-Ostinati oder Latin-Rhythmen), über die dann ad libitum soliert wird. Skurrile Einfälle (wie eine irrwitzige Bearbeitung von «La Vie en Rose», Dixie- oder Bolero-Themen) erzeugen komische Fallhöhen. Und die jungen Solisten stehen ihren Vorgängern qualitativ um kein Jota nach. Bemerkenswert der instrumentale Einsatz des Sängers Pascal Galeone, der das gesamte Vokabular der elektronisch unterstützten, frei improvisierten Vokalmusik glänzend beherrscht. Begeisternd die formal perfekten und handwerklich makellosen Soli des Sopransaxophonisten Adrian Pflugshaupt, von dem bestimmt noch viel zu hören sein wird. Zürich, Moods, 3. Februar. Nick Liebmann

Aargauer Zeitung, Freitag, 16. April 2003

Sinn für das Unsentimentale
Plattentaufe Christoph Baumann und Band im «Moods»
Roger Nickl

«Der Mensch ist ein wanderndes Wesen», singt Pascal Galeone ins Dunkel des Zürcher Jazzclubs «Moods». Der Text der Komposition «Mensch Genf» stammt von einer Nachrichtenagentur und bezieht sich auf die Völkerwanderungen in der globalisierten Welt.

Genauso könnte er aber auch den 49-jährigen Wettinger Jazzpianisten, Komponisten und Bandleader Christoph Baumann meinen. Denn dieser ist ein steter Wanderer zwischen musikalischen Stilen und Gattungen. Dies dokumentiert auch die neue CD des Baumann-Hämmerli-Sextetts, die am Montagabend im «Moods» anlässlich eines Konzerts aus der Taufe gehoben wurde.

Scharfe Schnitte, subversiver Witz

«Structures and Spaces» heisst nicht nur die CD, sondern auch eine gross angelegte Jazzsuite aus der Feder Baumanns - eine spielerische und humorvolle Reise durch unterschiedlichste musikalische Stile und Klanglandschaften. Da wird neben dem Jazzer auch der erfahrene Filmmusikschreiber und Theatermusiker Baumann erkennbar. Mit einem dramaturgischen Gespür für scharfe Schnitte, für Kontrast und Suspense baut er seine Stücke auf. Mit subversivem Witz zitiert und variiert er lateinamerikanische Musik und Ragtime, holt sich Anleihen bei der klassischen Moderne oder zerschreibt mit sicherem Sinn für das Unsentimentale das Piaf-Chanson «Vie en Rose».
Innerhalb dieser kompositorischen Strukturen tun sich immer wieder improvisatorische Freiräume auf. In ihnen können sich die individuellen Stimmen der vier hervorragenden jungen Musiker, die Baumann und sein langjähriger Wegfährte Hämi Hämmerli um sich geschart haben, bestens entfalten.
So gurrte, blubberte und zischelte sich der Stimmakrobat Pascal Galeone im «Moods» durchs Programm. Er intonierte mit zartbitterem Jazz-Timbre und näselte im nächsten Moment wie ein islamischer Muezzin. Der Bassposaunist Markus Muff wiederum lotete zwischen leisem Säuseln und virilem Forte humorvoll die Grenzen seines Instruments aus. Und auch der junge Sopran- und Tenorsaxofonist Adrian Pflugshaupt vermochte mit seinem quecksilbrigen, energiegeladenen Spiel zu überzeugen.
Christoph Baumann selbst hatte seine improvisatorischen Qualitäten bereits zu Beginn des Konzertabends im Trio «Afrogarage» unter Beweis gestellt. Er ist zwar kein virtuoser Techniker. Sein Changieren zwischen rhythmisch-drängenden Akkord-Clustern und den zuweilen in den Konzertraum gehauchten impressionistischen Klangwölkchen entwickelte im Interplay mit dem Bassisten Jacques Siron und dem Schlagzeuger Dieter Ulrich aber eine packende Dynamik.

Baumann-Hämmerli-Sextett: «Structures and Spaces». MiWi Records.


16. April 2003, 02:32, Neue Zürcher Zeitung

Ein Blick zurück, einer voraus
Der Jazzclub Moods ehrt den Pianisten Christoph Baumann mit einem Porträt

kl. Der Badener Pianist, Komponist, Arrangeur und Bandleader Christoph Baumann hat ein wichtiges Stück Schweizer Jazzgeschichte geschrieben oder mitgeschrieben. Seinen Namen verbindet man etwa mit dem verstorbenen Saxophonisten Urs Blöchlinger, mit Projekten wie dem köstlichen Jerry Dental Kollekdoof und mit Ensembles wie Cadavre Exquis, Mentalities oder dem Baumann-Hämmerli-Sextett. Stilistisch ist Baumann, der sich auch als Theatermusiker einen Namen geschaffen hat, an vielen Orten zu Hause. Er hat Hardbop, Free Jazz, Latin Jazz und vieles mehr geschrieben und gespielt. Wie Hugo Faas vom Moods sagte, war ein Porträt dieser Musikerpersönlichkeit überfällig.
Der erste Teil des langen Konzertabends gehörte dem frei improvisierenden Trio Afrogarage. Die Musik des schlauen Genfer Kontrabassisten (und Falsettsängers) Jacques Siron, des pfiffigen Pianisten Baumann und des verschmitzten Schlagzeugers Dieter Ulrich ist zugänglicher geworden. Klar exponiertes thematisches Material, durchgehaltene Rhythmen und ironische Anspielungen erleichtern das Zuhören - gerade im Vergleich zu den verbissenen, kaum endenden Selbstfindungsexperimenten der goldenen Free-Jazz- Jahre. Und doch wird da spontan valable und formal stimmige Musik erfunden, entwickeln sich im Interplay wie von selbst neue Motive, Klangfarben und Rhythmen. Nach wie vor spürbar ist die Rebellion, das politische Engagement der Musiker, die in einem Protestsong gipfelte, der einer Tankstellenbetreiberin gewidmet ist - wobei die meisten Buchstaben des Firmennamens als Noten gespielt werden können und zusammengefügt eine nette Melodie ergeben.
Das im zweiten Teil auftretende Baumann- Hämmerli-Sextett existiert als Institution seit zwanzig Jahren. Für eine «New Edition» haben Baumann und der Kontrabassist Hämi Hämmerli (der auch Leiter der Luzerner Jazzschule ist) junge Talente ins Boot geholt. Das Resultat war über weite Strecken überzeugend, wenn auch nicht ganz so erfrischend und geschlossen wie das Spiel des Trios. Eine lange Suite aus Baumanns Feder bot den Ensemblemitgliedern die Möglichkeit, sich in allen erdenklichen Stilen zwischen traditionellem Jazz über Rock, Latin, Funk und MBase bis hin zu freieren Passagen solistisch zu entfalten; in einem kürzeren zweiten Stück konnten sie sich auch aktiv als Mitkomponisten einbringen. Besonders aufgefallen ist dabei der phänomenale Sänger und Stimmakrobat Pascal Galeone, der u. a. eine prächtig ironische Version des Chansons «La vie en rose» zum Besten gab, sowie der erstaunlich reife Saxophonist Adrian Pflugshaupt mit einem intensiven und hervorragend aufgebauten Solo auf dem diffizilen Soprano. Eine Session mit allen Beteiligten beendete den spannenden Abend.

Zürich, Moods, 14. April.